GezeitenWechsel | Magazin
2025
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© Bernd-Beikirch

Die Kunst, Schönheit zu formen

Wie ein Friseur seine Leidenschaft, Kreativität und Vision in eine erfolgreiche Karriere verwandelte

2024 wurde Edgar Steinbach Zweiter Bundessieger bei der Deutschen Meisterschaft im Handwerk. Im Interview spricht er über seinen Werdegang, die Faszination am Friseurhandwerk und die Herausforderungen bei der Deutschen Meisterschaft.

Das Interview führte Andreas Unterberg


Wie sind Sie zum Friseurhandwerk gekommen? Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihre Entscheidung geprägt hat?

Schon in meiner Kindheit war der Besuch beim Friseur, den ich oft an der Seite meiner Mutter begleitete, ein prägendes Erlebnis für mich. Während wir im Wartebereich des Salons saßen, umgeben von Kisten voller Spielzeug für Kinder, die mich jedoch kaum interessierten, war mein Blick stets auf die Friseure und ihre Kunst gerichtet. Fasziniert beobachtete ich, wie sie mit geschickten Handgriffen und verschiedenen Techniken Frisuren schufen. Im Laufe der Jahre habe ich an meinen beiden älteren Schwestern das Frisieren gelernt und so meine Leidenschaft schließlich zum Beruf gemacht. Besonders inspirierend waren für mich schon immer die atemberaubend schönen Frauen in Musikvideos, Modenschauen und Hollywood-Filmen – sie waren der Maßstab, an dem ich mich orientierte, und ich strebte stets danach, etwas ebenso Außergewöhnliches zu schaffen.

Wie haben Sie sich im Laufe der Jahre fachlich weiterentwickelt? Gibt es spezielle Techniken oder Trends, die Sie besonders interessieren?

Mein Interesse an der Entwicklung des Friseurhandwerks im Laufe der Zeit führt mich immer wieder zu großen Namen wie Vidal Sassoon, der für mich ein bedeutendes Vorbild ist. Durch seine revolutionären, geometrischen Formen hat er das Haareschneiden nachhaltig geprägt. Besonders angetan bin ich von präzisen, geometrischen Haarschnitten, bei denen jedes Detail mit größter Sorgfalt gestaltet wird und die durch ihre Sauberkeit und Klarheit bestechen.

Neben dem Haarschnitt sehe ich auch die Haarfarbe als kraftvolles Ausdrucksmittel. Sie kann die Form eines Haarschnitts gezielt unterstützen und zugleich neue Dimensionen des Ausdrucks schaffen. Selbst ein schlichter Haarschnitt gewinnt durch eine modische Farbtechnik an Ausstrahlung und Tiefe. Auf diese Weise lassen sich nicht nur Frisuren, sondern auch das äußere Erscheinungsbild eines Menschen positiv beeinflussen und seine Persönlichkeit unterstreichen.

Herzlichen Glückwunsch zum zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft im Handwerk! Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich und beruflich?

Der zweite Platz auf Bundesebene bedeutet mir unglaublich viel. Er ist eine besondere Form der Wertschätzung, die meinen Einsatz, meine Arbeit und den Fleiß der vergangenen Jahre würdigt. Besonders inspirierend fand ich das Zusammentreffen mit den anderen Teilnehmerinnen. Die positive, kämpferische Atmosphäre, die während des gesamten Wettbewerbs spürbar war, motivierte mich zusätzlich und machte die Erfahrung zu etwas ganz Besonderem.

Wie haben Sie sich auf die Deutsche Meisterschaft vorbereitet? Gab es spezielle Trainings oder Unterstützung durch Ihr Team?

Nach meiner verkürzten Ausbildung zum Friseur bei Natascha Debus widmete ich mich meinem ersten Ausbildungsberuf als Maskenbildner am Oldenburgischen Staatstheater. Seit Abschluss meiner Friseurausbildung habe ich daher über sechs Monate nicht mehr aktiv hinter dem Frisierstuhl an Kunden gearbeitet. Umso überraschender war für mich die Einladung zur Teilnahme an den German Craft Skills – ein unerwarteter Anruf, der mir neue Türen öffnete.

Die Zeit für die Vorbereitung war knapp. Als Grundlage mussten alle Teilnehmer auf das H-Mag, ein Haar-Moden-Magazin des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, zurückgreifen. Nach sorgfältiger Durchsicht des Magazins entschied ich mich für einen geometrisch-gradlinigen Damenhaarschnitt, den klassischen Bob, sowie für einen modischen Herrenhaarschnitt, den Shag, der durch seine lebendige Textur überzeugt. Beide Frisuren wurden am Übungskopf – einem Trainingsmedium aus Echthaar – umgesetzt. Dies umfasste nicht nur den Haarschnitt, sondern auch eine farbliche Veränderung und ein perfektioniertes Styling, um das Gesamtbild abzurunden.

Besonders hilfreich war die Unterstützung meiner ehemaligen Ausbilderin sowie der Siegerin der German Craft Skills 2019, die mich bereits während meiner Ausbildung durch überbetriebliche Unterweisungen begleitet hatte. Durch Gespräche mit ihr konnte ich mich gezielt über den Ablauf des Wettbewerbs informieren und daraufhin ein durchdachtes Farbkonzept für beide Übungsköpfe entwickeln. Zusätzlich wurde ein dritter Übungskopf für eine Hochsteckfrisur gefordert, was den kreativen Anspruch des Wettbewerbs noch einmal steigerte.

Mit dem Sieg beim Landesentscheid in Hannover qualifizierte ich mich schließlich für den Bundeswettbewerb – ein Meilenstein, der nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine besondere Herausforderung für mich darstellte.

Können Sie uns mehr über den Wettbewerb erzählen? Mit was sind Sie angetreten?

Nach meinem Landessieg in Hannover hatte ich die besondere Gelegenheit, Michael Zimenga kennenzulernen, einen ehemaligen deutschen Meister im Friseurhandwerk. Nach einem inspirierenden Austausch mit ihm besuchte ich seinen Salon in Osnabrück, wo wir gemeinsam über den weiteren Verlauf des Wettkampfes sprachen. Dabei entwickelten wir ein detailliertes Frisuren- und Farbkonzept für den Bundesentscheid. Ein anschließendes Training mit Lars Jülicher sowie ein weiterer Austausch mit Michael Zimenga bereiteten mich intensiv auf den großen Tag vor, der immer näher rückte.

Die Unterstützung meiner Eltern war in dieser Phase unbezahlbar. Mit viel Geduld und Hingabe fertigte meine Mutter in stundenlanger Feinarbeit wunderschöne Kostümteile für die drei Übungsköpfe an. Das Zusammenspiel von Frisuren, Farben und den aufwendigen Kostümteilen ergab ein Gesamtkunstwerk, das sowohl einzigartig als auch beeindruckend war.

In Stuttgart setzte ich das Konzept weiter um, indem ich zwei präzise Haarschnitte und eine elegante Hochsteckfrisur erarbeitete. Der gesamte Prozess wurde vom SWR begleitet und in Fotos und Videos festgehalten, wodurch jeder Handgriff dokumentiert wurde – ein unvergessliches Erlebnis, das die Highlights dieses besonderen Wettbewerbs perfekt einrahmte.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ein zentrales Ziel, das ich verfolge, ist der Schritt in die Selbständigkeit, wofür ich den Meisterbrief anstrebe. Gleichzeitig widme ich mich der Entwicklung innovativer Übungsköpfe, die nicht nur den hohen Anforderungen des Friseurhandwerks gerecht werden, sondern diese sogar übertreffen sollen. Durch meine umfangreiche Wettkampf-Erfahrung kann ich meine fachliche Expertise und kreativen Ideen gezielt einbringen, um echte Verbesserungen und Mehrwert für die Branche zu schaffen.

Wie wichtig ist Ihnen die Nachwuchsförderung im Handwerk? Geben Sie Ihre Erfahrungen an Auszubildende weiter?

Die Förderung des Nachwuchses liegt mir besonders am Herzen, denn das Handwerk lebt davon, sein Wissen und seine Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben – an all jene, die die Leidenschaft für diesen Beruf teilen. Mit dem Meisterbrief möchte ich Nachwuchstalenten neue Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen. Überbetriebliche Lehrgänge und Seminare könnten dabei als wertvolle Sprungbretter dienen, um das Ausbildungsniveau nachhaltig zu steigern und kontinuierlich zu verbessern.