GezeitenWechsel | Magazin
2025
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© Andreas Unterberg

Emder Forschungstage

„Europa ist Randnotiz der Weltpolitik“

Zum Auftakt sprach der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel über die Zukunft Europas

Emden – In der Johannes a Lasco Bibliothek sprach zum Auftakt der Emder Forschungstage, organisiert vom Johannes-Althusius-Gymnasium (JAG), ein Mann zur Lage und Zukunft Europas, der sich von Amtswegen bestens mit internationaler Politik auskennt. Sigmar Gabriel, ehemaliger Vize-Kanzler und SPD-Vorsitzender, Ministerpräsident von Niedersachsen, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Bundesminister für Wirtschaft und Energie sowie Bundesminister des Auswärtigen. Letzteres Amt sowie auch der aktuelle Vorsitz der Atlantik-Brücke geleiteten den Weg zu seinem Impulsvortrag: „Europa und die weltpolitischen Entwicklungen - unsichere Zeiten?“.

Zunächst ging es um extraterrestrische Physik

Paul Meyer und Jannes Rothe, Schüler des 12. Jahrgangs des Johannes-Althusius-Gymnasium, hielten einen Kurzvortrag über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse während eines Praktikums am renommierten Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching. Während ihres Aufenthalts hatten sie die Möglichkeit, in die faszinierende Welt der Weltraumforschung einzutauchen und sich mit Themen wie Planeten, Teleskopen und kosmischem Staub auseinanderzusetzen.

Emden als Wissensmetropole

Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff hob Emden als „kleine, aber feine Wissensmetropole“ hervor und dabei die Bedeutung der Stadt als Ort des geistigen Austauschs betont. Besonders die A-Lasco-Bibliothek, ein zentraler kultureller und wissenschaftlicher Treffpunkt, sei ein geeigneter Ort, um über die großen Fragen der Zeit zu diskutieren. In einer Ansprache wandte sich Kruithoff direkt an die Jugend und rief sie dazu auf, aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken: „Die Zukunft ist eure Zukunft.“

Die Welt im Vakuum der Ordnungsmächte

Europa, so Gabriel, habe im globalen Vergleich an Bedeutung verloren. Während sich das Zentrum der Welt längst in den Indopazifik verlagert habe, drohe der Kontinent zur Randnotiz der Weltpolitik zu werden. „Ich sehe, wie die Welt sich zunehmend in ein Vakuum stürzt, das durch den Rückzug der USA als globale Ordnungsmacht entstanden ist. Es fühlt sich an wie in einem Western: Wenn der Sheriff die Stadt verlässt, übernehmen die Gangster. Genau das geschieht weltweit, sei es in der Ukraine, im Gazastreifen oder in Syrien“, so Gabriel. Es fehle an einer gemeinsamen globalen Ordnung, obwohl die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, Nuklearkontrolle, Pandemien – nur durch internationale Zusammenarbeit bewältigt werden könnten. Stattdessen zögen sich viele Staaten zurück und versuchten, ihre nationale Stärke zu maximieren, weil sie glaubten, dass sie so besser bestehen könnten.

„Ein amerikanischer Analyst hat unsere Welt als „G-Null-Welt“ bezeichnet – eine Welt ohne Ordnungsmacht. Und tatsächlich scheint niemand mehr bereit zu sein, diese Rolle zu übernehmen. Gleichzeitig wünschen viele Länder des globalen Südens, dass die Dominanz des Westens endet. Zusammenschlüsse wie die BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – arbeiten daran, den Einfluss des Westens zu schwächen, auch wenn sie untereinander Konflikte haben“, so Gabriel weiter.

Zerbrochene Beziehungen sind politische Aufgabe

Besonders scharf kritisierte Sigmar Gabriel das Fehlen eines politischen Zentrums in Europa. Die Beziehungen zwischen Deutschland, Frankreich und Polen seien in einem desolaten Zustand, was die Handlungsfähigkeit Europas zusätzlich schwäche.“ Das laste ich auf jeden Fall der Bundesregierung an und es der nächste Bundeskanzler hat in jedem Fall die dringende Aufgabe die Beziehungen zu Frankreich und Polen wieder zu verbessern“, so Gabriel weiter.

Gabriel zuversichtlich: „Europas Stärke ist Gemeinschaft“

„Ich bin überzeugt, dass Europa gestärkt aus Krisen hervorgehen kann, wenn wir als Deutsche unsere Kraft in den Dienst der Gemeinschaft stellen“, beteuert Gabriel. Die gemeinsame Bewältigung großer Herausforderungen, wie der Pandemie und des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine, zeigten, dass Europa zusammenhält. „Putin hat gehofft, die Europäische Union spalten zu können, insbesondere durch das besondere Verhältnis Deutschlands zu Russland. Doch Europa hat standgehalten. Genau wie beim Brexit hat sich Europa nicht geschwächt, sondern auf seine Grundwerte konzentriert. Diese Krisen zeigen, dass wir als Europäer gestärkt aus Herausforderungen hervorgehen können.

Von Andreas Unterberg


Emder Forschungstagen 2025

So geht es weiter ...

14. März 2025 | 19 Uhr – Prof. Dr. Andreas Löschel, Forum des Johannes-Althusius-Gymnasiums (JAG)

Vortrag: „Wissenschaftliche Politikberatung am Beispiel des Weltklimarates“

Der Experte für Umwelt- und Ressourcenökonomik an der Ruhr-Universität Bochum widmet sich den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik. Anhand des UN-Weltklimaberichts zeigt er auf, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in die Politikgestaltung einfließen.