Interview mit Dietmar Wischmeyer
Oldenburgs Grünkohl ist sein Regiment
Der Humorist, Autor und Radiomacher Dietmar Wischmeyer gibt als „Günther, der Treckerfahrer“ beim Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten den Ton an
Dietmar Wischmeyer, 1957 in Oberholsten geboren, zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Satire. Bekannt wurde er in den 1980er- und 1990er-Jahren als Mitbegründer der „Frühstyxradio“-Comedy bei radio ffn, wo er unvergessliche Figuren wie „Günther, der Treckerfahrer“ ins Leben rief. Ursprünglich als bissiger Kommentator politischer Ereignisse für ein landwirtschaftlich geprägtes Niedersachsen erfunden, entwickelte sich Günther schnell zum Publikumsliebling – mit trockenem Humor, plattdeutscher Note und treffsicheren Pointen. Neben seinen Radio- und Bühnenprogrammen tritt Wischmeyer in dieser Rolle seit Jahren auch beim traditionsreichen Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten auf, wo er als Leiter des Kurfürstlichen Kollegiums das sagt, was andere lieber für sich behalten – stets mit einer Prise Bauernschläue und einem untrüglichen Gespür für die komische Seite der Politik.
Können Sie uns kurz erzählen, wie die Figur „Günther, der Treckerfahrer“ ursprünglich entstanden ist?
FFN (damals noch radio ffn) brauchte eine Comedy-Figur für politische Kommentare. Da üblicherweise bei den Mitbewerbern Hausmeister und Putzfrauen dafür zuständig waren, sollte es für FFN etwas anderes sein. Und was paßte besser zu einem landwirtschaftlichen Bundesland als ein Bauer. Geboren war Günther, der Treckerfahrer
Wie sind Sie damals zum Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten gekommen?
Der von mir geschätzte Kollege Karl-Heinz Funke hatte das Amt niedergelegt und soviel andere bodenständige Querulanten als ihn und mir gibt’s nun auch wieder nicht in Niedersachsen. Mein erstes „Opfer“ war Karl-Theodor zu Guttenberg. Ja, und heute ist er der Lebenspartner von der Wirtschaftsministerin, hat ihm also nicht geschadet.
Welche besondere Aufgabe erfüllt „Günther“ an diesem Abend?
Offiziell ist er der Leiter des Kurfürstlichen Kollegiums, inoffiziell darf er sagen, was die anderen Redner aus Höflichkeit verschweigen, aber jeder gerne hören möchte. Wichtig ist es dabei, dass der neue König trotzdem gut dabei aussieht. Oldenburg ist schließlich nicht Berlin, wo jeder rumpöbelt, wie es ihm gerade passt.
Können Sie kurz erklären, was das Kurfürsten-Kollegium ist und wie es funktioniert?
Ich bin der Chef und alle Mitglieder stimmen darüber ab, was vorher schon feststeht – also genau wie im Bundestag, außer wenn Jens Spahn das organisiert.
Wie bereiten Sie Ihre Proklamationsrede vor – ist das minutiös geplant oder eher improvisiert?
Bis aufs i-Tüpfelchen geplant, improvisiert ist nur, was ich während der Rede weglasse, weil ein Vorredner die Pointe schon gebracht hat (Krogmann und Weil als Angstgegner)
Was ist der Unterschied zwischen einer Rede als Dietmar Wischmeyer und einer Rede als Günther?
Die Wortwahl, DW redet weitestgehend hochdeutsch, Günther lehnt den Dativ aus historischen Gründen ab.
Gab es schon einmal eine Panne oder ein Missverständnis, das im Nachhinein besonders lustig war?
Ich glaube, jedem der dabei war, ist der Auftritt des Grünkohlkönigs Robert Habeck in Erinnerung, als er von der „ostfriesischen Palme“ sprach – da deutete sich sein weiteres politisches Schicksal schon an.
Haben Sie jemals daran gedacht, Günther aus der Grünkohlwelt „in Rente“ zu schicken?
Wenn denn aus dieser Tätigkeit ein Rentenanspruch entstünde, würde ich mir verschärft Gedanken machen.
Welche Bedeutung hat die Veranstaltung für die Stadt Oldenburg – aus Ihrer Sicht?
Sie ist der Pflock, den die Stadt Oldenburg im politischen Berlin eingeschlagen hat, darum beneiden sie viele andere Städte, die sich für wichtiger halten (Hamburg). Allerdings läuft sie leider unter dem großen Aufmerksamkeitsradar. Das Ziel müsste sein, dass aus der Rede des Königs in den Tagesthemen zitiert wird wie beim Aachener Preis wider den tierischen Ernst.
Wenn Sie selbst einmal Grünkohlkönig würden – wie sähe Ihre Krönungsrede aus?
Eher wird ein Bayer Bundeskanzler als ich Oldenburger Grünkohlkönig.
Von Andreas Unterberg