Bitte wegsperren?
Handyfreie Konzerte auf dem Prüfstand
Was Bob Dylans „Rough and Rowdy Ways“-Shows über Kontrolle, Kunst – und unser Bedürfnis zu teilen – verraten
Ja, ich bin Konzertgänger, vielleicht 40 im Jahr, wenn es gut läuft. Ja, ich filme auch gerne bei diesen Konzerten, für Social Media, als persönliche Erinnerung, schaue Jahre später immer mal wieder rein, poste Rückblicke, Zusammenschnitte. Nicht das ganze Konzert, aber Sequenzen, von Hits, Songs, die mir persönlich etwas bedeuten, wenn das Lichtsetting besonders schön ist oder auch einfach nur so. Und ja, ich finde, das ist in Ordnung so. Jeder sollte sein persönliches Konzerterlebnis so gestalten können, wie er oder sie es will. Und dann kam dort kein Geringerer als Bob Dylan und fordert mich heraus. „Rough and Rowdy Ways“, so hieß die Tour und diese machte ihrem Namen alle Ehre. Mein erstes komplett handyfreies Konzert. Kurz nach dem Einlass wurden Smartphones in Stofftaschen versiegelt, dafür wurde der externe Dienstleister Yondr bemüht. Entsperren ging nur außerhalb des Saals und war auch nur durch das Yondr-Personal möglich. Das ist keine Petitesse, sondern Prinzip: Dylan ließ seine Europa-Tour 2024/25 ausdrücklich als „phone-free“ ausrufen, auch für akkreditierte Journalisten.
Warum ausgerechnet Dylan?
Kaum ein Künstler hat sein Bild so konsequent vor Öffentlichkeit abgeschirmt. Dylan duldet seit Jahren keine Fotos, hat Fans ermahnt und ganze Säle gebeten, die Telefone wegzustecken. Auf der aktuellen Tour macht er sich auf der Bühne buchstäblich unsichtbar – hinter dem Piano, im Halbdunkel, ohne Projektionen. Das ist Ästhetik und Statement zugleich: Die Musik soll für sich stehen, nicht das Motiv fürs Selfie sein. Ich kann grundsätzlich die Einstellung des Künstlers verstehen, lässt mich aber in der eben beschriebenen Ausgestaltung des Konzertes ambivalent zurück. Denn: er interagiert nie mit dem Publikum, sieht nicht auf, spricht kein Wort. Daher lohnt sich ein Blick auf beide Seiten.
Was spricht für handyfreie Konzerte?
Fokus und Gemeinschaft. Veranstalter und einige Künstler sehen in phone-free-Zonen die Chance, wieder stärker „zusammen“ zuzuhören – nicht nebeneinander zu dokumentieren. Der Fokus auf die Bühne soll messabr höher sein, sagt das Magazin Rolling Stone.
Künstlerische Integrität & Rechtslage. Wer sein Werk als momentane Performance versteht (statt als Contentquelle), hat ein legitimes Interesse, Mitschnitte zu begrenzen. Dylans Bühne im Schatten unterstreicht genau diese Priorität. Handyverbote können zudem Bootlegs, also Raubkopien, reduzieren, mindern Erwartungsdruck durch Vorab-Clips und schützen die Freiheit, Set und Arrangements spontan zu ändern.
Warum sollte man auf Konzerten filmen können, wie man möchte?
Teilhabe. Für manche sind Notizen, Kontrast-Hilfen, Live-Untertitel oder Notfall-Erreichbarkeit keine Spielerei. Ein generelles Verbot kann ausschließen; Kompromisse (z. B. freigegebene „Phone Use Areas“) sind nötig. Und ja, der Veranstalter gibt vorab die Informationen, dass in mediziniscen nötigen Fällen, das Handy in Ausnahmen gestattet werden kann.
Privater Erinnerungswert. Ein kurzes Foto vom großen Abend ist für viele Teil des Erlebnisses – bei Ticketpreisen, Anreise und Seltenheit nicht trivial. Selbst Befürworter plädieren daher oft für „ein paar Bilder – dann wegstecken“ statt Totalverbot. So, wie auch ich das praktiziere.
Popkultur-Gedächtnis. Fans halten Geschichte mit fest – nicht nur Medien. Sind Konzerte wirklich schlechter, nur, weil gefilmt wird? An was stört man sich hier wirklich? Man könnte diese Technologie auch als Chance begreifen. Wünschten wir uns nicht alle mehr Mitschnitte von Elvis-Konzerten?
Falsche Fronten. Das eigentliche Problem sind nicht „Telefone“, sondern rücksichtsloses Verhalten, wie etwa Dauerfilmen, Blitz oder direkt ins Gesicht zu filmen. Hier lohnt sich ein differenzierter Blick.
Ein fairer Mittelweg – jenseits von Schwarz-Weiß
Als Konzert-Besucher bin ich eher pro Handy: Ein kurzes Foto, ein 10-Sekunden-Clip – verantwortungsvoll aufgenommen – gehört für mich dazu. Dylans Shows erinnern daran, dass Live-Kunst ein Konzentrationsraum ist, kein Content-Markt. Vielleicht ist der Kompromiss: Popkultur ist zum Genießen, Konsumieren und Konservieren. Lassen Sie uns hier einen maßvollen Umgang üben, statt diesem kreativen Umfeld den Freigeist zu rauben.
Von Andreas Unterberg
