Norderneys Kaninchen

Wie die Insel zum Langohren-Staat wurde

Du triffst sie nicht nur in den Dünen, sondern auch mitten im Ort: Norderneys Kaninchen sind seit Jahrhunderten ein Thema – für Insulaner, Jäger, Küstenschützer und Gäste. Die Tiere sind kaum scheu, leben in Gruppen und nutzen die Insel konsequent als Lebensraum – inklusive Wohngebiete. In manchen Jahren sollen es zeitweise 30.000 bis 40.000 Kaninchen gewesen sein.

Was für Touristen „Natur pur“ wirkt, ist für die Insel ein handfestes Problem: Die Langohren greifen in die Pflanzenwelt ein, verursachen Fressschäden und können sogar den Küsten- und Deichschutz schwächen. Auch das Thema der Fressfeine spielt eine Rolle. Einzig hungrige Seeadler oder Füchse könnten den Kaninchen auf Norderney gefährlich werden.

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Wie alles begann: Kaninchen als Jagdvergnügen

Du würdest es heute kaum vermuten, aber Norderneys Kaninchen sind kein Zufall der Natur. Der Ursprung liegt laut Überlieferung im Jahr 1620: Damals wurden Kaninchen auf der Insel ausgesetzt, damit Landesherren zu ihrem Vergnügen jagen konnten – den Inselbewohnern war die Jagd streng untersagt.

Belegt sind Vorgänge dann besonders ab dem frühen 19. Jahrhundert. Nach den Kriegsjahren 1806/1807 kam der Tourismus durch die Kontinentalsperre zum Erliegen, zugleich ging die Kaninchenzahl durch eine Hungersnot zurück. Doch der Neustart des Badebetriebs brachte das Thema zurück: 1821 setzte Badeinspektor Ruppertsberg sechs Kaninchenpaare aus Borkum im Inselosten aus – ausdrücklich, damit Kurgäste wieder etwas zum Jagen hatten.

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Die „Schuldfrage“: Mensch gemacht, Insel getragen

Die Kaninchen-Plage ist historisch vor allem ein hausgemachtes Problem. Verwaltung und Tourismusinteressen spielten eine zentrale Rolle.

Als Ruppertsbergs Bestände wieder stark zurückgingen, schlug er den Ankauf weiterer Tiere vor. Genehmigt wurden 1824 immerhin 100 Kaninchen von Langeoog. Auch das „Frettieren“ wurde damals bereits als Unterhaltungsidee genannt: Frettchen sollten Kaninchen aus den Bauen treiben – in Anwesenheit von Badegästen, ausdrücklich zum Vergnügen.

Gegenwind gab es früh: Amtsvogt Feldhausen protestierte mit dem Hinweis, Kaninchen seien einer Insel „durchaus schädlich“. Doch das Vergnügen der Badegäste hatte Vorrang – und die Bestände konnten sich langfristig festsetzen.

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Was die Kaninchen auf Norderney anrichten können

  • Fressschäden in der Vegetation: Kaninchen fressen selektiv und können Pflanzenarten verdrängen oder vernichten.

  • Bedrohung seltener Arten: Genannt werden unter anderem Stendelwurz (Orchidee) und Rauschbeere, die auf Norderney fast komplett verschwunden sein sollen.

  • Boden und Vegetation verändern sich: Der Kot der Tiere kann die Vegetation versauern, zudem wird verstärktes Mooswachstum beschrieben.

  • Gefahr für Dünen und Deiche: Besonders kritisch ist der Strandhafer, der als Erosionsschutz dient. Kaninchen fraßen laut Bericht einst 80 Prozent frisch gepflanzten Strandhafers innerhalb von drei Tagen.

  • Unterhöhlungen durch Gänge: Die Tiere graben teils bis zu 20 Meter in den Inselboden und können Deichschutzanlagen nachhaltig schädigen.

  • Alltagsärger im Ort: Sie machen sich an Gärten, Grabbepflanzungen auf dem Friedhof und sogar an Autokabeln zu schaffen.

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Gegenmaßnahmen: Von Zäunen bis Frettchen – nicht alles wirkt

  • NLWKN-Maßnahmen 2016: Am östlichen Teil des Grohdedeiches wurden Kaninchenschutzzäune errichtet.

  • Deicherneuerung am Südstrand: Eine eingearbeitete Kleischicht sollte das Graben erschweren.

  • Myxomatose-Ansatz: Eine kontrollierte Infektion brachte nicht den gewünschten Erfolg.

  • Beizjagd & Frettieren: Habichte und Frettchen (mit Maulkorb) sollten helfen – laut Bericht ließ sich die Population lange nicht entscheidend bremsen.

Heute keine Plage mehr – aber weiter ein Dauerthema

Heute herrscht auf Norderney keine akuten „Plage“-Situation mehr, zumindest nach aktueller Einschätzung der Jägerschaft. Es wird weiterhin konsequent reguliert.

Bernhard Onnen, Hegeringchef auf Norderney, schätzt die Population derzeit auf 5000 bis 6000 Kaninchen. Pro Jahr erlegen die Jäger etwa 3000 Tiere. Das ist nicht trivial – zumal viele Kaninchen in bewohnten Bereichen leben, wo die Jagd mit der Flinte schwierig ist.

Im Alltag bleibt es damit oft bei „Koexistenz“: zusätzliche Löcher, angeknabberte Pflanzen, Ärger am Golfplatz – aber eben keine Lage mehr, die außer Kontrolle gerät.

Von Andreas Unterberg